Die Schafe wählen den Metzger
Viele Arbeiter wählen AfD, obwohl deren Wirtschafts- und Sozialpolitik ihre eigenen Interessen schwächen würde. Das ist kein Beweis für Dummheit. Es ist der Erfolg einer Partei, die den Zorn nach unten lenkt – und das Versagen einer SPD, die dort früher einmal stand.

Es gibt den alten politischen Vergleich vom Schaf, das begeistert für den Metzger stimmt, weil dieser versprochen hat, endlich etwas gegen die Wölfe zu unternehmen. Er ist überheblich, wenn man damit Wähler für dumm erklärt. Er wird interessant, sobald man auf die Speisekarte schaut.
Die AfD ist inzwischen unter Arbeitern außerordentlich erfolgreich. Bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz wählten 39 Prozent der Arbeiter die Partei; die SPD kam in dieser Gruppe nur noch auf 21 Prozent. Auch bundesweit zeigen Untersuchungen denselben Trend. Gleichzeitig ordnet eine aktuelle Studie der Universität Tübingen die Wirtschafts- und Sozialpolitik der AfD eindeutig als marktliberal, unternehmensfreundlich und fiskalkonservativ ein. Tarifbindung, stärkere Gewerkschaften oder eine ausgeprägte Umverteilung zugunsten abhängig Beschäftigter gehören nicht zum Kern ihres Programms.
Das Schaf ist also nicht dumm. Der Metzger ist nur sehr gut im Marketing.
Der Feind verdient weniger als du
Rechte Politik braucht für sozialen Unmut keinen Millionär. Ein Bürgergeldempfänger genügt.
Wer Angst vor dem sozialen Abstieg hat, könnte fragen, weshalb Löhne stagnieren, Wohnungen teuer werden, öffentliche Infrastruktur verfällt oder Vermögen immer ungleicher verteilt ist. Das wären unangenehme Fragen, weil ihre Antworten zwangsläufig zu Eigentum, Steuern, Tarifmacht und staatlichen Investitionen führen.
Die AfD bietet eine einfachere Dramaturgie.
Das Problem ist der Migrant. Der Flüchtling. Der Bürgergeldempfänger. Die EU. Die Klimapolitik. Irgendjemand nimmt angeblich etwas weg, was dem arbeitenden Deutschen zustünde.
Eine aktuelle DIW-Untersuchung nennt das „AfD-Paradox“. Gerade strukturschwache Regionen mit hohen AfD-Anteilen würden unter zentralen Forderungen der Partei besonders leiden. Für Sachsen-Anhalt modelliert das Institut bei weniger europäischer Integration, weniger Zuwanderung und geringeren öffentlichen Investitionen erhebliche Einkommens- und Arbeitsplatzverluste.
Die Kunst besteht also darin, Menschen gegen diejenigen aufzubringen, die gesellschaftlich noch weniger Macht besitzen als sie selbst.
Nach oben bleibt es auffällig ruhig.
Und wo war eigentlich die SPD?
An dieser Stelle macht es sich die politische Linke allerdings zu bequem, wenn sie nur auf die AfD zeigt.
Arbeiter sind nicht eines Morgens aufgewacht und haben beschlossen, Rassismus sei attraktiver als Tarifpolitik. Die SPD hat über Jahrzehnte einen Teil jener Bindung verloren, auf der ihre historische Stärke beruhte. Sie regierte Hartz IV mit, privatisierte, liberalisierte und gewöhnte sich daran, soziale Politik vor allem als vernünftige Verwaltung des Bestehenden zu präsentieren.
Heute liegt sie bundesweit in Umfragen um zwölf Prozent. Innerparteilich wird darüber gestritten, wer schuld ist und ob ein neues Grundsatzprogramm helfen könnte. Ausgerechnet die Partei, die einst wusste, warum ein Schichtarbeiter sie wählen sollte, schreibt offenbar noch an der Antwort.
Das entschuldigt keine einzige rechtsextreme Position.
Aber wer den Erfolg der AfD bekämpfen will, muss verstehen, dass moralische Belehrung keine Mietsteigerung bezahlt.
Man gewinnt Arbeiter nicht zurück, indem man ihnen erklärt, sie hätten falsch gewählt. Man gewinnt sie zurück, indem man glaubwürdig zeigt, dass Politik ihre materiellen Interessen verändern kann.
Der Protest bekommt eine Rechnung
AfD-Wähler wählen aus unterschiedlichen Gründen. Migration spielt eine große Rolle; ebenso allgemeines Misstrauen und Unzufriedenheit mit der Bundesregierung. Untersuchungen zeigen ausdrücklich, dass nicht allein Einkommen oder Arbeitslosigkeit den Erfolg der Partei erklären.
Gerade deshalb wäre es falsch, ihre Anhänger als einfältige Masse abzuschreiben.
Man sollte sie ernst genug nehmen, um ihnen die Rechnung zu zeigen.
Eine Partei kann gleichzeitig behaupten, für Arbeiter zu sprechen, und Politik gegen Gewerkschaften machen. Sie kann soziale Unsicherheit beklagen und staatliche Investitionen zurückfahren wollen. Sie kann den kleinen Mann auf das Wahlplakat setzen und wirtschaftspolitisch näher bei Unternehmerinteressen stehen.
Das alles ist möglich, solange Politik weniger über Interessen als über Identität funktioniert.
Die AfD braucht ihre Wähler nicht wohlhabender zu machen. Sie muss ihnen nur jemanden zeigen, auf den sie herabsehen können.
Und vielleicht liegt darin die modernere Version der alten Schafgeschichte: Der Metzger verspricht gar nicht mehr, das Schaf zu verschonen.
Er überzeugt es lediglich davon, dass zuerst ein anderes dran ist.