Die AfD für den kleinen Mann – solange er reich ist
Die AfD gewinnt besonders dort Zustimmung, wo Einkommen niedrig und Zukunftsängste groß sind. Ihre Steuerpolitik entlastet jedoch ausgerechnet hohe Einkommen und große Vermögen besonders stark.

Die AfD liebt den „kleinen Mann“. Er kommt in ihren Reden zuverlässig vor: als Handwerker, Pfleger, Verkäuferin, Facharbeiter, Rentner oder Vater, der morgens aufsteht, arbeitet, Steuern zahlt und sich von „denen da oben“ nicht mehr vertreten fühlt. Politisch ist dieser Mensch ausgesprochen nützlich. Steuerlich sollte er allerdings besser Millionär sein.
Denn wer sich ansieht, was die AfD ökonomisch fordert, stößt auf eine bemerkenswerte Arbeitsteilung. Die Wut wird nach unten verteilt, die Entlastung nach oben.
Das DIW hat die Steuerpläne aus dem Bundestagswahlprogramm 2025 untersucht. Auch kleine und mittlere Einkommen würden durch einzelne Maßnahmen profitieren. Überproportional groß fällt die Entlastung jedoch bei hohen und sehr hohen Einkommen aus. Gleichzeitig fordert die AfD niedrigere Steuersätze, die Abschaffung der Vermögensteuer und inzwischen im Bundestag ausdrücklich auch das Ende der Erbschaft- und Schenkungsteuer.
Das ist kein Versehen. Es ist ein wirtschaftspolitisches Programm.
Leistung muss sich lohnen – besonders beim Erben
Die AfD begründet die Abschaffung der Erbschaftsteuer mit Steuergerechtigkeit. Vermögen sei bereits einmal besteuert worden, eine erneute Belastung daher problematisch. Man kann diese Argumentation vertreten. Man sollte dann nur das Wort „Leistung“ vorsichtiger benutzen.
Denn eine Erbschaft ist für den Erben zunächst das Gegenteil eigener Leistung. Niemand hat sich seine Eltern durch besondere Produktivität verdient. Wer ein Unternehmen, Immobilien oder Millionenvermögen erbt, erhält einen wirtschaftlichen Vorsprung, den derjenige ohne vermögende Familie durch Arbeit kaum aufholen kann.
Die Partei, die bei Bürgergeldempfängern jeden Euro auf Arbeitsanreiz untersucht, entwickelt beim Millionenerben eine bemerkenswerte Gelassenheit gegenüber leistungslosem Einkommen. Dort heißt das Geld nicht Transfer, sondern Familie.
Natürlich trifft die Erbschaftsteuer auch kleinere und mittlere Vermögen. Deshalb gibt es Freibeträge und Sonderregeln, über deren Höhe und Ausgestaltung man streiten kann. Die AfD will diese Steuer aber nicht zielgenauer machen. Sie will sie abschaffen. Vom geerbten Einfamilienhaus bis zum großen Unternehmensvermögen soll der Staat sich grundsätzlich zurückziehen.
Der kleine Mann darf also weiter arbeiten. Sein Chef darf steuerfrei erben.
Der nützliche Gegner steht unten
Wie verkauft man eine solche Verteilungspolitik an Menschen, die selbst kein Millionenvermögen besitzen? Indem man den Verteilungskonflikt verschiebt.
Dann stehen nicht Erbe und Arbeitnehmer gegenüber, sondern Arbeitnehmer und Flüchtling. Nicht Vermögenskonzentration wird zum Problem, sondern Bürgergeld. Nicht die Frage, weshalb Besitz immer größere politische und wirtschaftliche Macht erzeugt, sondern die Behauptung, jemand anderes bekomme Sozialleistungen, ohne genug dafür geleistet zu haben.
Das funktioniert, weil soziale Unsicherheit real ist. Mieten sind hoch, Pflegekräfte erschöpft, kommunale Infrastruktur veraltet, viele Beschäftigte erleben ihre Arbeit als schlecht bezahlt und gesellschaftlich wenig anerkannt. Rechte Politik muss diese Probleme nicht erfinden. Sie muss nur verhindern, dass nach ihren ökonomischen Ursachen gefragt wird.
Der Migrant eignet sich dafür besser als der Aktionär. Er besitzt selten eine Lobby und ist leichter zu fotografieren.
Das AfD-Paradox
Eine DIW-Studie zu Sachsen-Anhalt beschreibt inzwischen ein „AfD-Paradox“: Gerade strukturschwache Regionen, in denen die Partei besonders stark ist, könnten von zentralen Teilen ihrer Politik besonders hart getroffen werden. Weniger Zuwanderung verschärft den Fachkräftemangel, weniger europäische Integration belastet exportabhängige Unternehmen, geringere öffentliche Investitionen treffen Regionen, die auf staatliche Infrastruktur besonders angewiesen sind.
Das bedeutet nicht, dass jeder AfD-Wähler gegen seine eigenen Interessen stimmt. Menschen wählen nicht ausschließlich nach Einkommenstabellen. Migration, kulturelle Identität, Protest und Misstrauen gegenüber Institutionen spielen ebenfalls eine Rolle. Wer die Wähler für zu dumm erklärt, hat bereits aufgehört, Politik zu verstehen.
Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf das Programm. Die AfD verspricht sozialen Schutz, ohne den ökonomischen Grundkonflikt zwischen Arbeit und Vermögen wesentlich anzutasten. Sie bietet den Unzufriedenen Zugehörigkeit statt Umverteilung und einen kulturellen Gegner statt einer stärkeren Besteuerung großer Besitzstände.
So entsteht rechte Klassenpolitik: Man erklärt dem Arbeiter, sein Problem sitze im Asylheim, während man dem Millionenerben die Steuerrechnung abnimmt.
Die AfD hat verstanden, dass soziale Wut politisch äußerst wertvoll ist. Man muss nur dafür sorgen, dass sie nie nach oben schaut.