Hamburg · Klartext aus Hamburg, Deutschland und Europa
Aus Deutschland

Importärzte unerwünscht – aber bitte weiter behandeln

Die AfD Sachsen-Anhalt warnt vor „Importärzten“ und will lieber mehr einheimische Mediziner ausbilden. Das klingt national aufgeräumt. Nur funktioniert die medizinische Versorgung in Deutschland längst nicht mehr ohne Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland.

Leerer Krankenhausflur als Symbol für den Ärztemangel und die Bedeutung ausländischer Fachkräfte

Es gibt politische Begriffe, die schon durch ihre Wortwahl erklären, was von den Menschen dahinter gehalten wird. „Importärzte“ ist so ein Wort. Es klingt nach Containerhafen, Ersatzteilen und Ware mit zweifelhafter Herkunft. Nicht nach Menschen, die Nachtdienste übernehmen, Herzinfarkte behandeln und in ländlichen Regionen Praxen am Leben halten.

Die AfD Sachsen-Anhalt benutzt diesen Begriff derzeit im Wahlkampf. Sie fordert, Deutschland müsse mehr eigene Medizinstudenten ausbilden, statt sich auf Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland zu verlassen. Als Probleme nennt sie Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und Zweifel an Qualifikationen. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, widerspricht deutlich: Ausländische Ärzte seien insbesondere in Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen und ländlichen Regionen längst unverzichtbar.

Dass Deutschland mehr Studienplätze braucht, ist dabei keineswegs falsch. Die Bundesärztekammer fordert selbst seit Jahren mehr Ausbildungskapazitäten.

Nur folgt daraus nicht, dass Zuwanderung das Problem ist.

Die Realität trägt ausländischen Pass

Ende 2025 arbeiteten in Deutschland rund 71.480 Ärztinnen und Ärzte ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Das waren 16 Prozent aller berufstätigen Ärzte. Berücksichtigt man zusätzlich Eingebürgerte mit eigener Zuwanderungsgeschichte, schätzt Destatis ihren tatsächlichen Anteil sogar auf rund ein Viertel der gesamten Ärzteschaft.

Besonders häufig arbeiten diese Ärzte stationär – also genau dort, wo Schichtdienst, Nachtarbeit und Personalmangel besonders ausgeprägt sind.

Das deutsche Gesundheitswesen besitzt damit eine interessante migrationspolitische Architektur: Es beklagt Fachkräftemangel, wirbt im Ausland um Personal und entdeckt anschließend im Wahlkampf, dass ausländisches Personal kulturell womöglich nicht recht passe.

Der Patient auf der Intensivstation wird diesen Konflikt vermutlich anders gewichten.

Er möchte zunächst behandelt werden.

Qualifikation ist kein Herkunftsland

Natürlich muss jeder Arzt ausreichende Sprachkenntnisse besitzen und fachlich qualifiziert sein. Gerade in der Medizin können Missverständnisse gefährlich werden. Wer in Deutschland als Arzt arbeiten möchte, braucht eine Approbation oder Berufserlaubnis; ausländische Abschlüsse werden geprüft. Bei Qualifikationen aus Drittstaaten gelten Anerkennungsverfahren und gegebenenfalls Kenntnisprüfungen. Der Bundestag hat diese Verfahren im März sogar reformiert, ausdrücklich unter Beibehaltung hoher Qualitätsstandards.

Das ist der vernünftige Maßstab.

Nicht: Woher kommst du?

Sondern: Kannst du diesen Beruf sicher ausüben?

Wer Qualifikation mit Nationalität verwechselt, löst keinen Ärztemangel. Er fügt ihm lediglich eine ethnische Sortierung hinzu.

Die AfD kann selbstverständlich verlangen, dass Deutschland mehr Mediziner selbst ausbildet. Dann müsste sie allerdings erklären, wie die Versorgung in den zehn oder fünfzehn Jahren bis dahin funktionieren soll. Ein Medizinstudium lässt sich nicht im Schnellverfahren auf dem Parteitag absolvieren.

Die Menschen, die heute fehlen, müssen heute behandelt werden.

Der Fachkräftemangel ist ziemlich deutsch

Deutschland hat seinen Ärztemangel über Jahre selbst produziert.

Studienplätze sind begrenzt. Viele Ärzte gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand. Besonders auf dem Land finden Praxen keine Nachfolger. Ein erheblicher Teil der niedergelassenen Ärzteschaft ist bereits über 60 Jahre alt.

Gleichzeitig wandern deutsche Mediziner selbst aus oder wechseln in attraktivere Tätigkeiten. 2025 verließen 2.234 Ärzte Deutschland; mehr als die Hälfte davon waren deutsche Staatsbürger.

Man könnte daraus eine Debatte über Arbeitsbedingungen, Vergütung, Klinikstrukturen und Ausbildungskapazitäten machen.

Oder man spricht über „Importärzte“.

Das hat den Vorteil, dass man nicht erklären muss, warum ein hochentwickeltes Land über Jahrzehnte zu wenige Ärzte ausgebildet und gleichzeitig Arbeitsbedingungen geschaffen hat, die viele aus dem Beruf oder aus dem Land treiben.

Der Migrant ist politisch einfacher als die Strukturreform.

Nationalismus endet am Krankenbett

Rechte Politik lebt davon, Grenzen scharf zu zeichnen. Hier die Einheimischen, dort die Fremden. Hier Zugehörigkeit, dort Zuwanderung.

Im Krankenhaus wird diese Ordnung erstaunlich schnell unpraktisch.

Der syrische Assistenzarzt wird nicht weniger notwendig, weil sein Pass nicht deutsch ist. Die rumänische Ärztin kann eine Blinddarmentzündung nicht schlechter diagnostizieren, weil sie in Bukarest geboren wurde. Ein deutscher Patient gewinnt keine medizinische Versorgung dadurch, dass der Dienstplan ethnisch homogener aussieht.

Im Gegenteil: Wenn Deutschland sämtliche ausländischen Ärzte morgen nach Hause schickte, wäre nicht die Migration beendet.

Es wäre vielerorts die Versorgung.

Die AfD möchte den Wählern erzählen, Deutschland könne sich ausländische Fachkräfte ersparen, wenn es nur wieder stärker auf das Eigene setze. Das klingt angenehm, solange niemand fragt, wer am Sonntagabend den Bereitschaftsdienst übernimmt.

Vielleicht sollte man der Partei deshalb eine einfache praktische Regel anbieten:

Wer gegen „Importärzte“ polemisiert, darf beim nächsten Krankenhausbesuch gern nach einem rein deutschen Dienstplan fragen.

Man sollte nur etwas Zeit mitbringen.

Persönlicher Kommentar von . Zuletzt aktualisiert am 28. August 2026.
Newsletter

Verpass keinen Kommentar.

Klare Meinung zu Hamburg, Deutschland und Europa – direkt in dein Postfach. Kostenlos, kein Tracking, jederzeit abbestellbar.