Die Deutschen arbeiten zu wenig. Sagen diejenigen, die an ihrer Arbeit verdienen.
Politik und Wirtschaft fordern längere Arbeitszeiten, mehr Erwerbsstunden und späteren Ruhestand. Auffällig ist nur, wie selten dabei über Produktivität, unbezahlte Arbeit oder die Verteilung des erwirtschafteten Wohlstands gesprochen wird.

Deutschland arbeitet zu wenig. Diese Diagnose hört man derzeit mit einer Beharrlichkeit, die fast schon medizinisch wirkt. Mal sollen Vollzeitbeschäftigte länger arbeiten, mal Teilzeitkräfte ihre Stunden erhöhen, mal Ältere später in Rente gehen. Wer krank ist, soll möglichst rasch zurückkehren. Und wer sich über die Zumutungen wundert, bekommt erklärt, der Standort habe schließlich Bedürfnisse.
Das ist praktisch.
Denn wenn die wirtschaftliche Lage schwierig ist, kann man entweder über Investitionen, Produktivität, Unternehmensstrategien, Infrastruktur und Verteilung sprechen.
Oder über die Arbeitsmoral der Beschäftigten.
Letzteres ist erheblich billiger.
Arbeit verschwindet nicht, nur weil sie unbezahlt ist
Die amtliche Zeitverwendungserhebung zeigt ein anderes Bild als die Erzählung vom bequemen Land.
Menschen ab 18 Jahren leisten im Durchschnitt knapp 45 Stunden Arbeit pro Woche, wenn bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammengerechnet werden. Rund 25 Stunden davon entfallen auf Hausarbeit, Kinderbetreuung, Pflege, Ehrenamt und andere unbezahlte Tätigkeiten. Frauen kommen dabei auf gut 29 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche, Männer auf rund 20 Stunden. Bei Eltern liegt die gesamte wöchentliche Arbeitszeit sogar bei ungefähr 59 Stunden.
Man kann selbstverständlich fordern, dass mehr Menschen mehr Erwerbsarbeit leisten.
Dann sollte man allerdings sagen, welche Arbeit dafür liegen bleiben soll.
Die Kinderbetreuung?
Die Pflege der Mutter?
Der Haushalt?
Das Ehrenamt?
Ökonomische Debatten besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit, Arbeit erst dann vollständig ernst zu nehmen, wenn jemand eine Rechnung dafür stellt.
Mehr Stunden sind noch kein Geschäftsmodell
Auch die aktuellen Wirtschaftsdaten sprechen nicht gerade dafür, dass Deutschland allein an mangelnder Arbeitsbereitschaft leidet.
Im ersten Quartal 2026 stiegen die durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen gegenüber dem Vorjahr bereits um 0,3 Prozent. Gleichzeitig nahm die Arbeitsproduktivität je Stunde um 0,5 Prozent zu. Für 2025 weist Destatis ebenfalls einen leichten Produktivitätszuwachs aus.
Das sind keine spektakulären Zahlen.
Aber sie erinnern an etwas, das in der Debatte gern verloren geht: Wohlstand entsteht nicht nur dadurch, dass Menschen länger arbeiten. Entscheidend ist, was in dieser Zeit produziert wird und wie effizient Kapital, Technik und Organisation eingesetzt werden.
Ein Unternehmen, das eine veraltete Maschine zwei Stunden länger laufen lässt, besitzt anschließend keine moderne Industriepolitik.
Es besitzt lediglich eine längere Stromrechnung.
Wer Deutschlands wirtschaftliche Probleme auf fehlende Arbeitsstunden reduziert, macht es sich deshalb erstaunlich einfach.
Die Forderung kommt selten von der Werkbank
Besonders interessant ist, wer mehr Arbeit verlangt.
Es sind regelmäßig Arbeitgeberverbände, wirtschaftsnahe Institute und Politiker, deren eigener Arbeitstag zwar zweifellos lang sein mag, deren Einkommen aber selten vom Tariflohn einer zusätzlichen Schicht abhängt.
Das macht ihre Argumente nicht automatisch falsch.
Es sollte nur daran erinnern, dass Arbeitszeit keine abstrakte volkswirtschaftliche Größe ist.
Sie gehört einem Menschen.
Eine zusätzliche Stunde bedeutet weniger Freizeit, weniger Familie, weniger Erholung. Deshalb musste die Arbeiterbewegung den Achtstundentag einst gegen erhebliche Widerstände durchsetzen. Arbeitszeitverkürzung war kein Ausdruck mangelnden Fleißes, sondern ein zivilisatorischer Fortschritt.
Heute wird der Gedanke teilweise umgedreht: Wer Wohlstand erhalten will, müsse wieder mehr Zeit verkaufen.
Merkwürdig selten wird daneben gefragt, ob diejenigen, die von dieser zusätzlichen Arbeit profitieren, auch entsprechend mehr beitragen sollen.
Über Vermögen redet man leiser
Deutschland diskutiert leidenschaftlich darüber, ob Beschäftigte länger arbeiten müssen.
Deutlich zurückhaltender diskutiert es darüber, ob sehr große Vermögen stärker besteuert werden sollten, ob hohe Erbschaften angemessen beitragen oder ob Unternehmensgewinne stärker in Investitionen zurückfließen müssen.
Darin liegt eine politische Asymmetrie.
Arbeitszeit erscheint als gemeinschaftliche Ressource, über deren Ausweitung Wirtschaftsminister und Verbandspräsidenten öffentlich verfügen dürfen.
Privates Vermögen dagegen gilt als empfindlicher Bereich persönlicher Freiheit.
Der Arbeitnehmer soll seine Zeit zur Verfügung stellen.
Der Eigentümer sein Vermögen besser nicht.
Das ist keine Naturgesetzlichkeit.
Es ist Verteilungspolitik.
Produktivität wäre unbequemer
Wer ernsthaft mehr Wohlstand will, müsste über bessere Schulen, funktionierende Bahnstrecken, schnellere Verwaltung, Digitalisierung, bezahlbare Energie, Forschung und moderne Maschinen sprechen.
Das kostet Geld.
Und es verlangt Entscheidungen darüber, wer investiert und wer bezahlt.
Die Forderung nach längerer Arbeitszeit hat dagegen einen unschlagbaren Charme: Die zusätzliche Ressource existiert bereits.
Sie steckt im Kalender anderer Menschen.
Man muss sie nur beanspruchen.
Vielleicht erklärt das, weshalb die Debatte so beliebt ist.
Deutschland hat zweifellos wirtschaftliche Probleme. Aber ein Land wird nicht automatisch produktiver, indem seine Einwohner später nach Hause kommen.
Bevor man den Beschäftigten erklärt, sie arbeiteten zu wenig, könnte man deshalb eine andere Frage stellen:
Was wurde eigentlich aus all der Arbeit, die sie längst leisten?
Und wer verdient daran?