Die SPD sollte beim DFB hospitieren
Julian Nagelsmann tritt nach dem WM-Aus doch zurück. Ausgerechnet der Fußball erinnert die Politik daran, dass Verantwortung mehr sein kann als eine Pressekonferenz.

Es gibt Sätze, die altern schneller als Milch in der Julisonne. Julian Nagelsmann sagte nach dem deutschen WM-Aus sinngemäß, er sei keiner, der weglaufe. Wenige Tage später ist er zurückgetreten. Man kann das Widerspruch nennen. Man kann es aber auch Lernfähigkeit nennen, was im deutschen Führungspersonal schon fast als avantgardistische Tugend gelten darf.
Der Rücktritt des Bundestrainers ist deshalb mehr als eine Sportmeldung. Er ist eine kleine staatsbürgerliche Demonstration auf Rasenbasis: Wer ein Ziel verfehlt, kann Konsequenzen ziehen, ohne dadurch charakterlich zu verdampfen. Rücktritt ist nicht Flucht. Rücktritt ist manchmal die letzte Form, Verantwortung nicht nur auszusprechen, sondern ihr eine Gestalt zu geben.
Verantwortung ist keine Moderationskarte
Das Interessante an Nagelsmanns Schritt ist nicht, dass er zwingend war. Man hätte auch Gründe für sein Bleiben finden können: junge Mannschaft, widrige Umstände, Elfmeterschießen, Aufbauarbeit, der ganze Werkzeugkasten der Nachsicht. Im Fußball wie in der Politik gibt es immer Gründe, warum gerade jetzt Kontinuität wichtiger sei als Konsequenz. Meistens werden sie von jenen vorgetragen, deren Kontinuität gerade zur Debatte steht.
Doch der DFB hat nun, freiwillig oder gedrängt, etwas getan, was in der Politik selten geworden ist: Er hat zwischen Analyse und Personalentscheidung keinen mehrjährigen Stuhlkreis eingerichtet. Es wurde nicht nur „aufgearbeitet“, „eingeordnet“ und „nach vorne geschaut“. Es ist jemand gegangen.
Das ist in einer Republik, in der Verantwortung gern wie ein dekorativer Schal getragen wird, fast schon irritierend.
Die SPD als Daueranalyse
Vielleicht sollte die SPD deshalb eine Delegation zum DFB schicken. Nicht, um Standardsituationen zu trainieren; obwohl auch das der Partei kaum schaden würde. Sondern um zu studieren, dass eine Niederlage nicht dadurch kleiner wird, dass man sie mit ausreichend ernster Stimme als Auftrag bezeichnet.
Lars Klingbeil ist nicht Julian Nagelsmann. Die SPD ist keine Nationalmannschaft, auch wenn sie sich gelegentlich so aufstellt, als bestehe sie aus elf Sechsern und keiner Spitze. Aber der Vergleich bleibt reizvoll, weil er eine gemeinsame Mechanik sichtbar macht: Scheitern wird zunächst sprachlich bewältigt.
Nach schlechten Ergebnissen heißt es in der Politik zuverlässig, man habe verstanden. Man werde zuhören. Man werde Vertrauen zurückgewinnen. Man werde die Lebenswirklichkeit der Menschen wieder stärker in den Blick nehmen. Diese Sätze sind so oft gesagt worden, dass sie inzwischen klingen wie Stadiondurchsagen bei Regen: höflich, unverbindlich, übertönt vom tatsächlichen Geschehen.
Klingbeil hat nach dem Absturz der SPD nicht den Rückzug gewählt, sondern den Aufstieg in Zuständigkeit: Parteichef, Vizekanzler, Finanzminister. Man kann das als Pflichtbewusstsein lesen. Man kann es auch als sehr deutsche Form der Haftungsvermeidung lesen: Wer Verantwortung trägt, bekommt mehr davon.
Rücktritt ist kein Populismus
Natürlich wäre es töricht, jeden Rücktritt zu feiern. Personenwechsel können Probleme verdecken. Auch im Fußball gewinnt kein Nachfolger allein durch frischen Geruch in der Kabine. Und in Parteien ist Erneuerung komplizierter als die Auswechslung eines Trainers.
Aber das Gegenargument hat sich verselbstständigt. Weil Rücktritt nicht immer hilft, soll er kaum noch verlangt werden dürfen. Weil Schuld selten allein ist, soll Verantwortung möglichst niemanden treffen. Weil Systeme komplex sind, werden Personen plötzlich unzuständig für die Ergebnisse, mit denen sie zuvor ihre Führung begründet haben.
Das überzeugt nicht.
Demokratische Verantwortung bedeutet nicht, dass nach jedem Misserfolg ein Kopf rollen muss. Das wäre Boulevard, nicht Verfassungskultur. Aber sie bedeutet, dass Scheitern überhaupt eine persönliche Folge haben kann. Ohne diese Möglichkeit wird Verantwortung zur Vokabel. Dann steht am Ende jeder Niederlage derselbe Satz: Wir haben verstanden. Und am Anfang der nächsten Niederlage sitzen dieselben Leute wieder am Tisch.
Ein Trainingsbesuch genügte
Die SPD müsste beim DFB nicht lernen, wie man Fußball spielt. Sie müsste lernen, dass ein Amt kein Naturrecht ist. Dass Bleiben begründet werden muss, nicht nur Gehen. Dass der Satz „Ich laufe nicht weg“ zwar gut klingt, aber nicht die Frage beantwortet, ob andere noch mitlaufen wollen.
Nagelsmanns Rücktritt macht aus dem Fußball nicht automatisch eine moralische Vorbildanstalt. Dafür kennt man den Betrieb zu gut. Aber in diesem Fall hat der Sport der Politik eine kleine Lektion erteilt: Konsequenz kann spät kommen und trotzdem richtig sein.
Vielleicht sollte die SPD also wirklich einmal beim DFB hospitieren. Nicht lange. Ein Vormittag genügt. Thema: Was nach einem verlorenen Spiel geschieht.
Die erste Übung wäre einfach: Verantwortung sagen. Dann prüfen, ob der eigene Stuhl noch der richtige Platz ist.