Zurück zum russischen Gas? Die AfD hat nichts gelernt
Die AfD-Spitze bereitet Gespräche mit Putins Wirtschaftsberater über neue russische Gaslieferungen vor. Deutschland war vor 2022 zu mehr als der Hälfte von russischem Gas abhängig. Wer heute zurück will, verkauft alte Verwundbarkeit als neue Vernunft.

Alice Weidel und Tino Chrupalla wollen sich 2027 mit Kirill Dmitriev treffen, einem engen Wirtschaftsberater Wladimir Putins. Thema soll die mögliche Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen nach Deutschland sein. Voraussetzung wäre offenbar ein Friedensrahmen zwischen Russland und der Ukraine. Die AfD fordert schon länger, Sanktionen gegen russische Energie aufzuheben und Nord Stream wieder in Betrieb zu nehmen.
Man kann über Energiepreise streiten. Man kann LNG für teuer halten, über amerikanische Abhängigkeiten sprechen und die deutsche Energiepolitik seit 2022 kritisieren.
Aber man sollte sich wenigstens erinnern.
2021 kamen rund 55 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases aus Russland. Das Bundeswirtschaftsministerium beschreibt die damalige Abhängigkeit rückblickend selbst als erhebliches Risiko. Heute ist Deutschland bei Gas wesentlich breiter diversifiziert; der Großteil stammt aus Norwegen sowie über LNG-Zugänge via Niederlande und Belgien.
Die AfD schlägt also nicht bloß günstigeres Gas vor.
Sie schlägt vor, eine strategische Abhängigkeit wiederaufzubauen, deren Gefährlichkeit Deutschland gerade erst teuer gelernt hat.
Billig ist nicht dasselbe wie sicher
Das Argument der AfD lautet im Kern: Russische Energie war günstiger, also sollte Deutschland sie wieder kaufen.
Das klingt wirtschaftlich vernünftig, solange man den Preis nur in Euro pro Megawattstunde misst.
Versorgungssicherheit hat aber einen Wert.
Politische Erpressbarkeit hat ebenfalls einen Preis.
Deutschland hat vor 2022 erlebt, was passiert, wenn eine zentrale industrielle Ressource zu stark von einem autoritär regierten Lieferstaat abhängt. Als die russischen Lieferungen einbrachen, musste Deutschland in enormem Tempo neue Terminals errichten, Bezugsquellen wechseln und Krisenmechanismen aktivieren.
Das war teuer.
Gerade deshalb wäre es eigenartig, aus den Kosten der Entwöhnung die Schlussfolgerung zu ziehen, die Abhängigkeit sei doch eigentlich ganz angenehm gewesen.
Ein Alkoholentzug ist ebenfalls unangenehm. Das ist kein Argument für die Flasche.
Die Friedensdividende aus Moskau
Natürlich verändert ein tatsächlicher Frieden die Lage.
Sollte Russland den Krieg gegen die Ukraine verlässlich beenden, internationale Vereinbarungen einhalten und sich geopolitische Bedingungen grundlegend ändern, kann Europa irgendwann auch seine Wirtschaftsbeziehungen neu bewerten.
Außenpolitik besteht nicht darin, Feindschaften für die Ewigkeit einzufrieren.
Aber zwischen Handel und Abhängigkeit liegt ein Unterschied.
Europa könnte künftig begrenzte Mengen russischer Energie kaufen, ohne Russland wieder zum zentralen Versorger zu machen. Diversifikation wäre dann keine Sanktion, sondern Versicherung.
Die AfD denkt anders.
Sie behandelt die frühere Gasbeziehung zu Moskau nicht als strategischen Fehler, sondern als verlorenes Geschäftsmodell.
Genau das ist bemerkenswert.
Souveränität endet offenbar an der Pipeline
Die AfD spricht sonst gern von deutscher Souveränität.
Deutschland solle unabhängiger von Brüssel werden, nationale Interessen verteidigen und fremden Einfluss zurückdrängen.
Beim russischen Gas wird dieser Souveränitätsbegriff plötzlich erstaunlich biegsam.
Eine Versorgung, bei der mehr als die Hälfte des Gases aus einem Staat kommt, dessen Führung Energie, Außenpolitik und militärische Macht bewusst miteinander verbindet, ist keine Unabhängigkeit.
Sie ist Abhängigkeit mit günstiger Rechnung.
Das Bundeswirtschaftsministerium hält ausdrücklich fest, dass die Diversifizierung seit 2022 die Energieversorgung resilienter machen sollte. Genau diese Lehre will die AfD offenbar wieder verlernen.
Auch teures Gas braucht eine Strategie
Damit ist allerdings die Bundesregierung nicht automatisch aus dem Schneider.
Europas Gaslager sind derzeit ungewöhnlich niedrig gefüllt, gleichzeitig sind Gaspreise deutlich gestiegen. Das erhöht den politischen Druck und macht einfache Versprechen attraktiv.
Wer verhindern will, dass die AfD mit russischem Gas punkten kann, muss deshalb mehr anbieten als moralische Empörung.
Europa braucht günstigere Energie, gemeinsame Beschaffung, bessere Netze, mehr Speicher, erneuerbare Energien, eigene Erzeugung und langfristig weniger Gasverbrauch.
Strategische Unabhängigkeit darf nicht bedeuten, Abhängigkeit nur von Moskau nach anderswo zu verschieben.
Genau hier liegt die vernünftige Kritik an der Energiepolitik.
Nicht in der Rückkehr zur alten Pipeline.
Geschichte als Sonderangebot
Die AfD verkauft ihre Russlandpolitik als Pragmatismus.
Doch Pragmatismus bedeutet, aus Erfahrungen Konsequenzen zu ziehen.
Deutschland hat erlebt, wie riskant es ist, eine zentrale Energieversorgung auf einen einzelnen politisch problematischen Lieferanten auszurichten.
Diese Erfahrung einfach zu vergessen, weil Gas wieder teuer ist, wäre keine Realpolitik.
Es wäre politische Amnesie.
Man kann mit Russland irgendwann wieder handeln.
Aber wer jetzt schon die alte Abhängigkeit als Lösung anbietet, hat aus 2022 offenbar nur eines gelernt:
Dass Menschen hohe Energierechnungen schnell vergessen lassen, warum sie entstanden sind.