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Aus Europa

Europa darf seine Intelligenz nicht mieten

Künstliche Intelligenz wird zur Infrastruktur moderner Gesellschaften. Europa kann es sich deshalb nicht leisten, Modelle, Rechenleistung und Chips dauerhaft bei amerikanischen und chinesischen Konzernen einzukaufen. Wer seine digitale Zukunft mietet, besitzt sie nicht.

Europäisches Rechenzentrum als Symbol für digitale Souveränität und eigene künstliche Intelligenz

Europa hat künstliche Intelligenz früh reguliert. Das war vernünftig. Eine Technologie, die Verwaltung, Medizin, Industrie, Bildung, Militär und Öffentlichkeit verändert, braucht Regeln. Nur hat Regulierung eine unangenehme Grenze: Man kann sehr genaue Vorschriften für Maschinen schreiben, die einem selbst nicht gehören.

Genau dort steht Europa heute.

Die stärksten KI-Systeme kommen weiterhin überwiegend aus den USA. Ein großer Teil der Cloud-Infrastruktur liegt bei amerikanischen Konzernen. Bei fortgeschrittenen KI-Chips ist Europa ebenfalls stark von außereuropäischen Herstellern und Lieferketten abhängig. Die EU-Kommission räumt diese Abhängigkeit inzwischen selbst ausdrücklich ein und hat deshalb im Juni ein Paket zur „technologischen Souveränität“ vorgelegt – mit einem Chips Act 2.0, einer Cloud- und KI-Initiative sowie einer europäischen Open-Source-Strategie.

Das ist spät. Aber es ist nicht zu spät.

Ein Abonnement ist keine Souveränität

Die politische Abhängigkeit beginnt nicht erst, wenn Washington einen Schalter umlegt.

Sie beginnt viel früher.

Wenn europäische Verwaltungen, Unternehmen, Krankenhäuser oder Forschungseinrichtungen ihre zentralen KI-Systeme auf Infrastruktur ausländischer Konzerne aufbauen, entstehen technische und wirtschaftliche Pfadabhängigkeiten. Preise, Nutzungsbedingungen, verfügbare Modelle und teilweise auch Sicherheitsstandards werden dann außerhalb Europas bestimmt.

Ein Staat kann seine Stromversorgung auch nicht ernsthaft „souverän“ nennen, wenn Kraftwerke, Netze und Brennstoffe vollständig von drei ausländischen Unternehmen kontrolliert werden.

Bei KI gilt nichts anderes.

Die EU beschreibt technologische Souveränität inzwischen selbst als Fähigkeit, Schlüsseltechnologien, Daten und Infrastruktur zu entwickeln und zu kontrollieren, ohne von Anbietern aus Drittstaaten abhängig zu sein.

Das klingt abstrakt. Praktisch bedeutet es: eigene Rechenzentren, europäische Modelle, sichere Clouds, Zugang zu Chips und offene technische Standards.

Sonst besitzt Europa keine digitale Souveränität.

Es besitzt ein Abonnement.

Mistral allein wird Europa nicht retten

Dass Europa technologisch nicht chancenlos ist, zeigt Mistral AI. Das französische Unternehmen wurde Anfang September nach einer neuen Finanzierungsrunde mit rund 24 Milliarden Dollar bewertet. Es gehört damit zu den wertvollsten privaten Technologieunternehmen Europas und gilt als wichtigster europäischer Herausforderer der amerikanischen KI-Konzerne.

Das ist beeindruckend.

Es zeigt aber zugleich die Größenordnung des Problems.

Europa darf seine technologische Eigenständigkeit nicht davon abhängig machen, ob ein einzelnes Start-up den Anschluss an Unternehmen hält, die über wesentlich größere Kapitalmärkte, Rechenkapazitäten und industrielle Ökosysteme verfügen.

Künstliche Intelligenz ist längst zu wichtig, um ausschließlich als gewöhnlicher privater Wettbewerb betrachtet zu werden.

Straßen, Stromnetze und Universitäten überlässt eine Gesellschaft ebenfalls nicht vollständig der Hoffnung, irgendein Unternehmen werde sie schon bauen, wenn die Rendite stimmt.

Europa braucht deshalb eine öffentliche KI-Infrastruktur: Rechenkapazität für Hochschulen und Start-ups, offene europäische Modelle für Verwaltung und Forschung und Regeln, die verhindern, dass jede erfolgreiche europäische Firma irgendwann von einem amerikanischen Konzern gekauft wird.

Europa beginnt immerhin zu bauen

Genau dort bewegt sich inzwischen etwas.

Die EU will bis zu sieben sogenannte KI-Gigafactories schaffen. Bis zu zehn Milliarden Euro öffentliche Mittel sollen mindestens zwanzig Milliarden Euro privates Kapital mobilisieren. Diese Zentren sollen Start-ups, Forschung, Industrie und Behörden Zugang zu großer Rechenleistung ermöglichen.

Das ist die richtige Richtung.

Aber Europa sollte aus früheren industriepolitischen Fehlern lernen. Öffentliche Milliarden dürfen nicht bloß dazu dienen, privaten Konzernen günstige Infrastruktur bereitzustellen, während Gewinne anschließend privatisiert werden.

Wer öffentlich finanziert, darf Bedingungen stellen.

Dazu gehören Zugang für Wissenschaft und kleinere Unternehmen, europäische Datenstandards, offene Schnittstellen und möglichst viel Open Source. Sonst bezahlt die Allgemeinheit den Aufbau und mietet das Ergebnis später zurück.

Dasselbe gilt für Chips. Der vorgeschlagene Chips Act 2.0 soll Europas Abhängigkeit bei modernsten Halbleitern verringern. Auch hier geht es nicht darum, jedes Bauteil innerhalb europäischer Grenzen herstellen zu müssen. Autonomie bedeutet nicht Autarkie. Sie bedeutet, in entscheidenden Bereichen nicht erpressbar zu sein.

Wer die Infrastruktur besitzt, besitzt Macht

Die eigentliche Frage ist deshalb größer als Technologiepolitik.

KI entscheidet künftig mit darüber, welche Informationen Menschen sehen, wie Behörden arbeiten, wie Unternehmen produzieren und welche militärischen Systeme Staaten einsetzen.

Wer diese Infrastruktur kontrolliert, besitzt Macht.

Europa hat jahrzehntelang akzeptiert, dass digitale Märkte von einigen wenigen amerikanischen Konzernen dominiert werden. Bei künstlicher Intelligenz sollte es denselben Fehler nicht noch einmal machen.

Die Alternative ist nicht Abschottung.

Europa soll amerikanische Modelle nutzen, mit chinesischen Forschern kooperieren und internationale Technologien einkaufen.

Es muss nur daneben etwas Eigenes besitzen.

Denn Unabhängigkeit bedeutet nicht, niemanden zu brauchen.

Sie bedeutet, Nein sagen zu können.

Europa reguliert künstliche Intelligenz bereits.

Jetzt muss es endlich genug davon selbst bauen, damit seine Regeln nicht nur die Bedienungsanleitung für fremde Maschinen sind.

Persönlicher Kommentar von . Zuletzt aktualisiert am 12. September 2026.
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