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Exzellenz mit Rotstift: Was Hamburg seiner Universität zumutet

Hamburg nennt sich Wissenschaftsstadt. Doch wer die Universität Hamburg auf Sparkurs setzt, spart nicht an Luxus, sondern an Zukunft, Lehre und sozialer Durchlässigkeit.

Studierende vor einem Universitätsgebäude in Hamburg an einem grauen Tag.

Die Ausgangslage

Hamburg liebt große Worte. Wissenschaftsstadt. Innovationsmetropole. Zukunftsstandort. Exzellenz. Diese Begriffe stehen gern in Strategiepapieren, auf Pressefolien und in Reden, bei denen der Applaus meistens schon im Ablaufplan vorgesehen ist.

Die Universität Hamburg passt hervorragend in diese Selbsterzählung. Sie ist die größte Hochschule Norddeutschlands, prägt die Stadt wissenschaftlich, kulturell und sozial, bildet Zehntausende Studierende aus und wurde im März 2026 erneut als Exzellenzuniversität bestätigt. Die Förderung als Exzellenzuniversität läuft damit für die Jahre 2027 bis 2033 weiter.

Nur gibt es ein Problem: Exzellenz kann man nicht dauerhaft aus Sonntagsreden finanzieren.

Während Hamburg seine Universität gern als Ausweis wissenschaftlicher Stärke präsentiert, berichten Studierende, Beschäftigte und Medien über erheblichen Finanzdruck, Sparvorgaben und die Sorge, dass Lehre, Forschung und Studienbedingungen leiden. Der NDR berichtete Ende Mai 2026 von wachsendem Ärger über geplante Kürzungen und Protesten an der Universität Hamburg.

Eine Stadt, die Exzellenz bestellt, aber Mangelverwaltung liefert, betreibt keine Wissenschaftspolitik. Sie betreibt Reputationspflege mit Rotstift.

Begriffsklärung: Was heißt hier Sparkurs?

Der Begriff „Sparkurs“ klingt vernünftig. Niemand möchte Verschwendung. Niemand verlangt, Universitäten müssten jenseits jeder Haushaltskontrolle existieren. Auch Hochschulen sind öffentliche Einrichtungen und müssen erklären können, wofür sie Geld brauchen.

Aber Sparen ist nicht schon deshalb klug, weil es spart.

Bei der Universität Hamburg geht es nicht um die Frage, ob irgendwo ein Empfang etwas bescheidener ausfallen kann. Es geht um Grundfinanzierung, Stellen, Lehrangebote, Prüfungsorganisation, Bibliotheken, Labore, IT-Sicherheit, Gebäude, Betreuung und die schlichte Frage, ob eine Universität ihren Auftrag noch erfüllen kann, wenn sie immer mehr Aufgaben mit zu wenig verlässlichen Mitteln bewältigen soll.

Der AStA der Universität Hamburg beschreibt für den ab 2026 beginnenden Strukturprozess mehrere Szenarien, nach denen bis 2032 Finanzierungslücken von 37 bis 61 Millionen Euro entstehen könnten. Zugleich verweist die Studierendenvertretung auf bereits geforderte Einsparungen und befürchtete Folgen für Studium und Lehre.

Man kann solche Vorgänge „Konsolidierung“ nennen. Man kann sie „Strukturprozess“ nennen. Man kann sie, wenn man besonders behördlich gestimmt ist, als „Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen“ bezeichnen.

Für Studierende und Beschäftigte heißt es am Ende häufig schlichter: weniger Zeit, weniger Personal, weniger Angebote, mehr Druck.

Die Funktionsweise der Unterfinanzierung

Universitäten werden selten durch einen einzigen großen Schlag beschädigt. Sie werden eher langsam ausgehöhlt.

Eine Professur wird später nachbesetzt. Eine Stelle bleibt befristet. Ein Seminar wird größer. Eine Bibliothek öffnet kürzer. Ein Tutorium fällt weg. Eine Verwaltung wird digitalisiert, aber ohne genug Personal für die Umstellung. Gebäude altern weiter. Tarifsteigerungen kommen. Energie wird teurer. Prüfungsämter arbeiten am Limit. Drittmittelprojekte bringen Reputation, aber nicht automatisch Entlastung in der Grundfinanzierung.

So entsteht ein Zustand, der nach außen noch funktioniert und innen bereits knirscht.

Die Universität sieht weiterhin wie Universität aus. Türen öffnen sich. Vorlesungen finden statt. Prüfungen werden geschrieben. Forschende veröffentlichen. Studierende sitzen auf Treppen und tun, was Studierende seit Jahrhunderten tun: Sie wirken gleichzeitig übermüdet und hoffnungsvoll.

Aber die Substanz verschiebt sich.

Wenn die Grundfinanzierung nicht mit realen Kosten wächst, muss die Universität ihre Aufgaben aus sich selbst heraus finanzieren. Sie soll exzellent forschen, gut lehren, international sichtbar sein, Digitalisierung leisten, Gleichstellung fördern, Wissen transferieren, Gebäude erhalten, Studierende betreuen, Verwaltung modernisieren, Sicherheit gewährleisten und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Das ist möglich, solange man akzeptiert, dass ein Tag 38 Stunden hat und Beschäftigte aus Idealismus keine Miete zahlen müssen.

Die Absurdität der Exzellenzpolitik

Besonders absurd wird die Lage durch das Wort „Exzellenz“. Es klingt nach Glanz, nach Wettbewerb, nach Spitzenforschung, nach internationalem Vergleich. Hamburg schmückt sich zu Recht mit diesem Status. Eine Exzellenzuniversität ist ein Gewinn für die Stadt.

Aber Exzellenz ist kein Orden, den man sich anheftet und danach in die Schublade der Haushaltsreste greift.

Wer Exzellenz will, muss Grundlagen finanzieren. Gute Forschung braucht Zeit, Personal, Geräte, Räume, Bibliotheken, Verwaltung, Technik und stabile Karrierewege. Gute Lehre braucht kleinere Gruppen, erreichbare Lehrende, planbare Studiengänge, Beratungsangebote und eine Prüfungsorganisation, die nicht permanent am Rand des Zumutbaren arbeitet.

Eine Universität kann in Spitzenbereichen glänzen und gleichzeitig im Alltag ausfransen. Genau das ist die Gefahr.

Man kann Forschungscluster feiern und zugleich in der Breite die Lehre überlasten. Man kann internationale Sichtbarkeit erzeugen und zugleich Studierende in überfüllte Seminare setzen. Man kann Exzellenz sagen und Befristung meinen. Man kann Innovation fordern und Grundfinanzierung knapp halten.

Das ist dann nicht Wissenschaftspolitik, sondern Symbolpolitik mit Haushaltsvorbehalt.

Die soziale Frage der Universität

Universitätspolitik ist Sozialpolitik. Dieser Satz klingt manchen Ohren ungewohnt, weil Hochschulen gern als Orte der Begabten, der Leistungsfähigen und der akademischen Selbstorganisation beschrieben werden. Aber die Universität ist einer der wichtigsten Orte sozialer Mobilität.

Wer aus einem Elternhaus ohne akademische Tradition kommt, braucht eine Universität, die funktioniert. Wer neben dem Studium arbeitet, braucht planbare Veranstaltungen. Wer Sorgearbeit leistet, braucht verlässliche Strukturen. Wer wenig Geld hat, kann nicht beliebig länger studieren, weil ein Pflichtkurs erst im nächsten Jahr wieder angeboten wird. Wer keine familiären Netzwerke hat, ist stärker auf Beratung, Betreuung und transparente Studienorganisation angewiesen.

Kürzungen treffen daher nicht alle gleich.

Die gut Vernetzten finden Wege. Die finanziell Gepufferten können Zeitverluste eher tragen. Die akademisch Vertrauten kennen das System. Diejenigen aber, für die Universität ohnehin ein Aufstieg gegen Widerstände ist, spüren Überlastung am stärksten.

Wenn Seminare voller werden, Prüfungen sich stauen, Beratungen ausfallen und Personal wechselt, dann ist das nicht nur ärgerlich. Es verändert Bildungschancen.

Hamburg sollte das wissen. Eine Stadt, die über Fachkräftemangel spricht, über soziale Spaltung, über Integration, über Innovation und über die Zukunft der Arbeit, kann nicht gleichzeitig ihre größte Universität in eine dauerhafte Mangelverwaltung schicken.

Der Protest ist kein Betriebsgeräusch

Im Juni 2026 gingen in Hamburg Tausende gegen Kürzungen an den Hochschulen auf die Straße. Nach Medienberichten beteiligten sich rund 7.000 Menschen an einer Demonstration; befürchtet wurden Einschränkungen im Studienbetrieb, ein Rückgang bei Studienplätzen und der mögliche Verlust zahlreicher Vollzeitstellen. Gefordert wurde unter anderem eine Erhöhung des staatlichen Grundetats der Universität Hamburg um 30 Millionen Euro sowie eine dynamische Anpassung an reale Kostensteigerungen.

Man sollte solche Proteste nicht als universitäres Ritual abtun. Natürlich gehört Klage zur Hochschule wie Kaffee, Kopierer und Gremiensitzungen. Aber wenn Studierende, Beschäftigte, Personalvertretungen und akademische Gremien gemeinsam Alarm schlagen, dann ist das mehr als die übliche Begleitmusik öffentlicher Haushalte.

Es ist ein Hinweis darauf, dass die Belastungsgrenze nicht mehr nur intern verwaltet werden kann.

Und es ist bemerkenswert, dass die Parole „Exzellent, aber pleite“ so gut funktioniert. Sie ist zugespitzt, ja. Aber sie trifft den Widerspruch, den die Stadt nicht wegmoderieren kann: Hamburg möchte die symbolische Rendite der Exzellenz, aber die Universität braucht die materielle Grundlage dafür.

Das Gegenargument: Auch der Senat muss haushalten

Natürlich muss der Senat haushalten. Eine Stadt kann nicht jede berechtigte Forderung erfüllen, nur weil sie berechtigt ist. Schulen, Kitas, Polizei, Justiz, Verkehr, Wohnungsbau, Kultur, Soziales, Klima, Verwaltung, Bezirke, Krankenhäuser — alle brauchen Geld. Haushalte sind nicht Ausdruck mangelnder Großzügigkeit, sondern der Ort, an dem politische Prioritäten sichtbar werden.

Gerade deshalb ist der Sparkurs an der Universität so aufschlussreich.

Denn niemand bestreitet, dass auch Hochschulen effizient arbeiten müssen. Niemand verlangt eine finanzielle Blankovollmacht. Aber wenn die Politik Wissenschaft zur strategischen Zukunftsfrage erklärt, muss sie sie auch strategisch finanzieren.

Man kann nicht vormittags Fachkräftebedarf beklagen, mittags Innovation beschwören, nachmittags Exzellenz feiern und abends die Grundfinanzierung so knapp halten, dass die Universität an der Substanz spart.

Das ist keine Prioritätensetzung. Das ist eine politische Mehrfachbuchung derselben Zukunft.

Die Gefahr für Hamburg

Der Schaden eines solchen Sparkurses zeigt sich nicht sofort. Das macht ihn politisch so verführerisch.

Eine gesperrte Brücke sieht jeder. Ein ausfallendes Seminar sehen nur die Betroffenen. Ein Schlagloch fotografiert man. Eine nicht besetzte wissenschaftliche Stelle verschwindet in Gremienunterlagen. Ein marodes Gebäude steht sichtbar in der Stadt. Eine überlastete Prüfungsverwaltung produziert nur Wartezeiten, Frust und stille Studienabbrüche.

Bildungskürzungen sind oft unsichtbar, bis ihre Folgen teuer werden.

Wenn Hamburg heute an der Universität spart, zahlt es morgen mit schlechteren Studienbedingungen, schwächerer Forschung, weniger sozialer Durchlässigkeit, schlechterer Betreuung und sinkender Attraktivität als Wissenschaftsstandort. Nicht alles davon lässt sich in Euro berechnen. Aber fast alles davon wird irgendwann politisch beklagt.

Dann heißt es wieder: Fachkräfte fehlen. Innovation stockt. Verwaltung kann nicht digitalisieren. Schulen finden keine Lehrkräfte. Wirtschaft braucht Talente. Demokratie braucht gebildete Bürgerinnen und Bürger.

Man könnte fast auf die Idee kommen, eine Universität sei keine freiwillige Freizeitgestaltung für junge Erwachsene, sondern eine zentrale Infrastruktur der Stadt.

Was Hamburg tun müsste

Hamburg müsste zunächst die Sprache ehrlich machen. Wenn Fakultäten sparen müssen, dann sollte man das nicht hinter Begriffen verstecken, die nach interner Optimierung klingen. Die Stadt sollte sagen, welche Aufgaben sie von der Universität erwartet und welche Mittel sie dafür dauerhaft bereitstellt.

Zweitens braucht die Universität eine verlässliche Grundfinanzierung, die reale Kostensteigerungen berücksichtigt. Tarifsteigerungen, Energie, Bauunterhaltung, Digitalisierung und Sicherheit sind keine Sonderwünsche. Sie sind Voraussetzungen dafür, dass der Betrieb überhaupt funktioniert.

Drittens darf Exzellenz nicht gegen Breite ausgespielt werden. Spitzenforschung ist wichtig. Aber eine Universität ist nicht nur eine Ansammlung glänzender Forschungsinseln. Sie ist auch Lehre, Studium, Verwaltung, Bibliothek, Beratung, Labor, Campus und demokratischer Raum.

Viertens muss Hamburg die soziale Dimension des Studiums ernst nehmen. Wer Studienbedingungen verschlechtert, trifft nicht nur Lebensläufe, sondern auch die soziale Zusammensetzung künftiger akademischer Berufe.

Und fünftens sollte der Senat die Proteste nicht als störendes Hintergrundgeräusch behandeln. Wenn Studierende und Beschäftigte warnen, dass Forschung und Lehre unter die Räder geraten, dann ist das kein Kommunikationsproblem. Es ist ein Finanzierungsproblem.

Der leise Appell

Hamburg kann sich entscheiden, welche Stadt es sein will.

Eine Stadt, die Wissenschaft als Schmuckwort nutzt, solange es um Rankings, Förderprogramme und internationale Sichtbarkeit geht. Oder eine Stadt, die Wissenschaft als öffentliche Aufgabe versteht und entsprechend finanziert.

Die Universität Hamburg ist kein Luxus. Sie ist auch kein nachgeordneter Haushaltsposten, den man in schwierigen Zeiten unauffällig zusammenstreicht. Sie bildet Lehrerinnen, Juristen, Ärztinnen, Sozialwissenschaftler, Naturwissenschaftlerinnen, Informatiker, Sprachwissenschaftlerinnen, Volkswirte, Historiker, Psychologinnen und viele andere aus, die diese Stadt und dieses Land brauchen.

Wer dort spart, spart nicht nur im Jahr 2026. Er spart in die Zukunft hinein.

Der Senat sollte deshalb aufhören, Exzellenz und Mangelverwaltung miteinander versöhnen zu wollen. Das eine lebt von Anspruch, das andere von Verzicht. Beides zusammen ergibt keine kluge Wissenschaftspolitik, sondern eine schöne Fassade mit knirschendem Fundament.

Hamburg muss seine Universität nicht nur feiern, wenn sie erfolgreich ist. Es muss sie finanzieren, damit sie erfolgreich bleiben kann.

Alles andere ist Exzellenz mit Rotstift. Und Rotstift ist, wie man weiß, kein besonders gutes Forschungsinstrument.

Persönlicher Kommentar von Sebastian Mietzner. Zuletzt aktualisiert am 1. July 2026.