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Grundsätzliches

Der kurze Dienstweg zum Weltfußball

Trump ruft an, Infantino hört zu, die FIFA suspendiert eine Sperre. Der Fall Balogun zeigt, wie wenig es braucht, damit Regelbindung nach Gefälligkeit aussieht.

Ein leerer Fußballplatz unter Flutlicht, am Spielfeldrand liegt eine rote Karte.

Es gibt im Fußball wenige Zeichen von so tröstlicher Eindeutigkeit wie die rote Karte. Sie ist kein Diskussionsangebot, keine höfliche Bitte um Verhaltensänderung, sondern die sichtbar gewordene Grenze: Der Spieler geht. Die Moderne hat auch diese Gewissheit verfahrensförmig verfeinert, mit VAR, Standbildern, kalibrierten Linien und Schiedsrichtern, die vor Bildschirmen stehen wie Ministranten vor einem schwierigen Sakrament. Und doch zeigt der Fall Folarin Balogun, dass die älteste Technik der Welt nicht aus der Mode gekommen ist: der Anruf von oben.

Nach mehreren Berichten soll US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Präsident Gianni Infantino auf eine Überprüfung gedrängt haben. Balogun, Stürmer der US-Auswahl, war des Feldes verwiesen worden; eine Sperre hätte ihn im folgenden Spiel getroffen. Die FIFA setzte diese Sperre auf Bewährung aus. Die rote Karte verschwand damit nicht aus der Welt, aber ihre unmittelbare Wirkung wurde beurlaubt. Das ist ein kleiner Unterschied mit großer politischer Akustik.

Korruption ohne Umschlag

Korruption stellt man sich gern als Szene mit Bargeld, Hinterzimmer und schwerem Teppich vor. Das ist bequem, weil man sich von ihr distanzieren kann, solange niemand einen Umschlag findet. Institutionelle Korruption beginnt oft früher: dort, wo Verfahren den Eindruck verlieren, gegenüber Macht, Nähe und Nützlichkeit gleichgültig zu sein. Nicht jede Gefälligkeit ist strafbar. Nicht jeder Verdacht ist ein Beweis. Aber Institutionen leben nicht nur von ihrer juristischen Verteidigungsfähigkeit, sondern von der alltäglichen Zumutbarkeit ihrer Entscheidungen.

Die FIFA ist in dieser Hinsicht ein empfindliches Gebilde. Sie verkauft den Weltfußball als universale Ordnung: gleiche Regeln für Algerien und Argentinien, für Belgien und die Vereinigten Staaten, für Spieler, die jeder kennt, und solche, deren Namen nur der Stadionsprecher sicher ausspricht. Gerade deshalb wirkt der kurze Dienstweg so verheerend. Wenn ein Staatsoberhaupt beim Verbandspräsidenten interveniert und kurz darauf eine Sperre fällt, muss man nicht wissen, was im Inneren des Verfahrens geschah, um den Schaden zu erkennen. Der Schaden ist der Raum, den die Spekulation nun dauerhaft bewohnt.

Die Regel und ihr Publikum

Natürlich kann eine rote Karte falsch sein. Sportrecht wäre armselig, wenn es Irrtümer nur verwalten, aber nie korrigieren dürfte. Auch der VAR verwandelt den Fußball nicht in Mathematik; er verschiebt den Streit nur von der Wahrnehmung zur Interpretation. Das kennt man inzwischen auch in Deutschland: Ein Tor kann auf dem Rasen gefallen sein, im Stadion bejubelt werden und am Ende doch im Maschinenraum der Regel verschwinden. Nur ruft dann gewöhnlich kein Kanzler beim Weltverbandspräsidenten an, um die Sache noch einmal in staatsmännischer Ruhe betrachten zu lassen.

Es mag also Gründe gegeben haben, Baloguns Sperre auszusetzen. Das Problem ist nicht, dass die FIFA entscheiden konnte. Das Problem ist, dass sie es unter Umständen tat, die ihre Entscheidung wie eine Antwort erscheinen lassen. Sportliche Rechtspflege ist Theater im besten Sinne: Sie braucht Form, Abstand, Zuständigkeit und eine gewisse Kälte. Der Präsident eines Gastgeberlandes gehört in diesem Stück nicht auf die Bühne. Er darf jubeln, klagen, twittern, sich missverstanden fühlen; er darf sogar glauben, ein Foul sei keins gewesen. Aber sobald sein Telefonat Teil der Vorgeschichte einer Entscheidung wird, verliert das Verfahren seine Unschuld.

Infantinos Näheproblem

Gianni Infantino hat aus der FIFA eine Organisation gemacht, die Nähe zur Macht nicht als Risiko, sondern als Methode behandelt. Das ist keine Fußnote, sondern ein Regierungsstil. Weltmeisterschaften brauchen Staaten, Stadien, Sicherheitsapparate, Visa, Geld und Bilder. Wer sie organisiert, spricht zwangsläufig mit Regierungen. Aber zwischen notwendiger Diplomatie und devoter Erreichbarkeit verläuft eine Linie, die man gerade dann beachten muss, wenn man sie nicht auf den Rasen malen kann.

Der Fall Balogun ist deshalb größer als Balogun. Er zeigt, wie schnell ein Verband seine eigene Autorität verschenkt, wenn er die Distanz zur politischen Macht nicht wahrt, sondern auflöst. Regeln müssen nicht nur gelten; sie müssen so gelten, dass der Unterlegene ihnen noch widerwillig zustimmen kann. Das ist im Sport nicht anders als im Rechtsstaat. Der Rechtsfriede entsteht nicht dadurch, dass alle Entscheidungen fallen, sondern dadurch, dass ihr Zustandekommen nicht nach Audienz riecht.

Vielleicht war die rote Karte zu hart. Vielleicht wäre eine unabhängige Kommission auch ohne jeden Anruf zu demselben Ergebnis gekommen. Genau das ist der Punkt: Man wird es nun nicht mehr sauber trennen können. Der VAR kann ein Standbild vergrößern, aber keinen Verdacht verkleinern. Und wenn der Weltfußball lernt, dass selbst die rote Karte nicht endgültig ist, sondern nur bis zum nächsten mächtigen Gesprächspartner gilt, dann hat nicht ein Spieler den Platz verlassen. Dann ist ein Stück Regelvertrauen gegangen, leise, ohne Pfiff.

Persönlicher Kommentar von Sebastian Mietzner. Zuletzt aktualisiert am 6. July 2026.